6.1 Untersuchung der Wirbelsäule

Einführung

AllgemeinLernzieleMaterialienVorgehenDokumentation

Warum Untersuchung der Wirbelsäule?

Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit mit steigender Prävalenz. Verschiedenste Erkrankungen manifestieren sich durch Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule. Sie können durch eine gute körperliche Untersuchung eingegrenzt und der entsprechenden Diagnostik zugeführt werden.

Varianten und Fehler: Die hier beschriebenen und gezeigten Untersuchungstechniken zeigen häufig nur eine mögliche Variante zum Vorgehen. Abweichende Techniken können ebenfalls zielführend sein. Etwaige Fehler bitten wir Sie gerne an uns rückzumelden.

Autor*innen: Ludger Keßel, Bert Huenges, Irmgard Streitlein-Böhme

Die Studierenden lernen bis zum 1. Semester des 2. Studienabschnitts:

– die Wirbelsäule zu untersuchen.
– Normalbefunde zu erkennen.
– die erhobenen Befunde in einfacher Form unter Verwendung des Statusbogens zu dokumentieren.

Maßband Winkelmesser Statusbogen

– Sorgen Sie für eine ruhige und vertrauensvolle Atmosphäre.
– Bitten Sie den*die Patient*in, sich so weit frei zu machen, dass Sie den gesamten Rücken untersuchen können.
– Prinzipiell ist eine Untersuchung im Stehen, im Sitzen sowie im Liegen möglich.

Unter dem Reiter Dokumentation erhalten Sie bei den einzelnen Untersuchungsschritten (Inspektion, Palpation, etc.) Hinweise und Beispiele zu deren Dokumentation.
Lernen Sie, normale und pathologische Untersuchungsbefunde zu dokumentieren.

Des weiteren erhalten Sie einen Einblick in Befunde möglicher Erkrankungen der einzelnen Organsysteme bzw. Regionen.

Video: Vollständige Untersuchung

Inspektion

Video: Inspektion
AllgemeinDokumentation

Bitten Sie den*die Patient*in, die Schuhe auszuziehen, sich entspannt hinzustellen, indem beide Beine gleichmäßig belastet sind und die Füße schulterbreit nebeneinander stehen.

– Beurteilen Sie den Stand der Schultern und des Beckens in Bezug auf die Horizontale.
– Beurteilen Sie das Krümmungsverhalten der Wirbelsäulenabschnitte von dorsal und lateral.
→ Erkennen Sie eine verstärkte Kyphose oder Lordose?
→ Besteht eine Fehlhaltung oder -stellung (z. B. Skoliose)?
→ Achten Sie auf Hautveränderungen, Narben, Entzündungs- und Verletzungszeichen.

Befunde Wirbelsäule: [1] Thorakal-Kyphose, [2] Skoliose und Korsett-Behandlung (links: Diagnostik, rechts: Therapie)

Bild-Quellen

Quellen / Creative Commons:[1] Thorakal-Kyphose: MusicNewz (Own work (this is me)) [CC0], via Wikimedia Commons, [2] Skoliose und Korsett-Behandlung: Weiss HR [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

 

Folgende Beispiele unterstützen Sie bei der systematischen Dokumentation Ihrer Befunde:

Normalbefund

„C7 und Rima ani in einer Linie und lotrecht, Schulter- und Beckenlinien parallel zueinander und zum Boden, Taillendreiecke symmetrisch, physiologische Kyphose und Lordose, symmetrische Rippenbögen auch beim Vorbeugen.“

Pathologischer Befund

„Es zeigte sich bei der Inspektion   
– eine Lotabweichung der Linie C7-Rima ani.“
– ein Becken- / Schulterschiefstand.“
– eine Asymmetrie der Taillendreiecke.“
– eine Unregelmäßigkeit der Rippenbögen / ein Rippenbuckel / Lendenwulst.“
Hinweis auf z.B. Beinverkürzung, Skoliose

Palpation und Perkussion

Video: Palpation und Perkussion
OrientierungspunktePalpationPerkussionDokumentation

Tastbare Orientierungspunkte der Wirbelsäule sind:

– Wirbeldornfortsätze C 7 und Th 1
– Schulterblätter (S)
– Darmbeinkämme (Cristae iliacae = Ci)
– Hintere obere Darmbeinstacheln (Spinae iliacae post. sup.)
– Dornfortsatz L 4: waagerechte Linie zwischen den Darmbeinkämmen kreuzt die Spitze des Dornfortsatzes L 4
– Vordere obere Darmbeinstacheln (Spinae iliacae ant. sup.)

Palpieren Sie die Dornfortsätze von kranial nach kaudal.
Besteht ein Druckschmerz?
Palpieren Sie die paravertebrale Muskulatur (pvMm) beidseits der Mittellinie.
Achten Sie auf Druckschmerz, Myogelosen und Atrophien.

Klopfen Sie die Wirbelsäule kräftig von kranial nach kaudal ab (obere HWS bis Os sacrum!).
Besteht ein Klopfschmerz?

Folgende Beispiele unterstützen Sie bei der systematischen Dokumentation Ihrer Befunde:

Normalbefund

„Kein Klopf- oder Druckschmerz über der WS, kein Druckschmerz und keine Verhärtungen bei Palpation der paravertebralen Muskulatur.“

Pathologischer Befund

– „Es bestand ein umschriebener Klopfschmerz in Höhe von WK X“ → Hinweis auf z.B. Bandscheibenvorfall, Tumor, Wirbelfraktur, Spondylitis
– „Es bestand ein diffuser Klopfschmerz über der gesamten WS“ → Hinweis auf z.B. Osteoporose
„Auffällig war eine Stufenbildung in Höhe von WK X“ Hinweis auf z.B. Spondylolisthese
– „Bei der Palpation der paravertebralen Muskulatur gab der Patient einen muskulären Druckschmerz in Höhe von WK X an / ließ sich eine muskuläre Verhärtung in Höhe von WK X palpieren.“ → Hinweis auf z.B. Fehlhaltung, Myogelose

Beweglichkeit der Wirbelsäule

Video: Beweglich: Beweglichkeit WS
BewegungsprüfungBeweglichkeit HWSBeweglichkeit LWS/BWSFBA, Schober- und Ott-ZeichenDokumentation

Prüfen Sie die Beweglichkeit der einzelnen Wirbelsäulenabschnitte.

HWS: aktive und passive Beweglichkeit
LWS: aktive Beweglichkeit

Prüfen Sie die Beweglichkeit der HWS vorsichtig aktiv und passiv: Inklination, Reklination, Rotation und Seitneigung

-→ Eingeschränkt: z. B. bei Bandscheibenvorfall, Meningitis, rheumatischen Erkrankungen
-→ Bei kräftiger passiver Vorneigung des Kopfes beugt der*die Patient*in die Beine reflektorisch im Hüft- und Kniegelenk: sog. Brudzinski-Zeichen positiv (Meningismus/Nackensteifigkeit)

Aktive Beweglichkeit der LWS*: Flexion, Extension, Rotation, Lateralflexion (Seitneigung)

*Die BWS-Beweglichkeit wird automatisch mitgetestet, da BWS- und LWS-Bewegung im Alltag praktisch nicht getrennt zu untersuchen sind. Die Hauptbeweglichkeit kommt jedoch aus der LWS!

Tipp: Um die isolierte Beweglichkeit der LWS zu testen, fixieren Sie die Hüfte mit Ihren Händen. So vermeiden Sie eine Mitbewegung im Hüftgelenk.

Bestimmen Sie den Fingerbodenabstand (FBA) → Der gemessene Abstand dient nur der Verlaufskontrolle.

Bestimmen Sie das Schober-Maß:
– Markieren Sie den Dornfortsatz von LWK 5.
– Messen Sie von hier 10 cm nach kranial ab.
– Markieren Sie hier den zweiten Messpunkt.
– Lassen Sie den*die Patient*in sich maximal nach vorne beugen und bestimmen Sie den Abstand zwischen den beiden Messpunkten erneut.
– Die normale Abstandsvergrößerung der Hautmarken beim Schober-Versuch beträgt 4-5 cm.

Bestimmen Sie das Ott-Maß:
– Gehen Sie wie beim Schober-Maß vor. Ausgangspunkt ist hier HWK 7. Messen Sie dann eine Strecke von 30cm nach kaudal ab.
– Die normale Abstandsvergrößerung beträgt 2-3 cm.

Folgende Beispiele unterstützen Sie bei der systematischen Dokumentation Ihrer Befunde:

Normalbefund

„WS allseits frei beweglich, kein Meningismus.“

Physiologischer Bewegungsumfang

HWS

Inklination / Reklination        45° / 0° / 45°
Lateralflexion                         45° / 0° / 45°
Rotation                                 60° / 0° / 60°

BWS und LWS

Flexion / Extension     120° / 0° / 30°
Lateralflexion             40° / 0° / 40°
Rotation                       45° / 0° / 45°

Ott – Test
29 – 30 – 32/33 cm (Reklination – Neutral Null Stellung – Flexion)

Schober – Test
7 – 10 – 14/15 cm (Reklination – Neutral Null Stellung – Flexion)

Finger – Boden Abstand
FBA 0 – 10 cm

Pathologischer Befund

Bewegungsumfang

HWS z.B. Lateralflexion 45° / 45° / 0° in 45° Winkel fixierter Schiefhals

Flexion / Reklination 10° / 0° / 45°   Flexion eingeschränkt

Funktionstests

„Beim Ott-Test betrug die Längenzunahme nur 1 cm.Hinweis auf verminderte Beweglichkeit der BWS
„Beim Schober-Test betrug die Längenzunahme nur 3 cm.“ Hinweis auf verminderte Beweglichkeit der LW, z.B. bei Spondylitis ankylosans
„Der FBA vergrößerte sich im Vergleich zur Voruntersuchung um x cm.“ Hinweis auf verminderte Beweglichkeit der WS (cave: vielfältige Ursachen, FBA ist vor allem ein Verlaufsparameter)

Zusammenfassung: Video der vollständigen Untersuchung

Video: Vollständige Untersuchung